Conny Lüscher

© Conny Lüscher 2013

Tanz auf dem Vulkan



Wenn Sie ernsthaft vorhaben Ihre Zukunft als Single zu verbringen, dann buchen Sie doch einen Tanzkurs mit Ihrem Partner. Sie werden feststellen, dass das Tanzparkett nicht nur rutschig ist, sondern gepflastert mit emotionalen Tretminen. Ich habe es selbst erlebt!

Zu Beginn der ersten Stunde ist alles noch ganz harmlos. Der Betreiber der Schule offeriert ein Gläschen Prosecco zur Auflockerung und alle stehen steif herum. Mit dem Glas in der Hand, und je nach Temperament einem flapsigen Spruch auf den Lippen, beäugen sich die Paare.

Kurs 1, Anfänger Standard- und Gesellschaftstänze (von den Tanzlehrern wegen den hölzernen Bewegungen insgeheim Pinocchios genannt), besteht meistens aus ganz unterschiedlichen Paaren. Da sind einmal die ganz jungen, die erstmals verliebt, blind in ihr Unglück rennen. Die Internetpaare, die unter der Rubrik „Interessen“ tanzen angekreuzt haben, (und es jetzt bitter bereuen) und solche wie wir. Also Paare, die schon einige Krisen hinter sich haben und sich nun einbilden, auch noch einen Tanzkurs, ohne Scheidungsanwalt zu überstehen. Ha! Wie kann man nur so naiv sein!

Bei den meisten Männern hat auch der Prosecco den gequälten Gesichtsausdruck nicht weggespült. Man sieht ihnen an, dass sie mit irgendwelchen Versprechungen oder Drohungen in diese Hölle geschleppt wurden. Lieber wären sie in einen Krieg gezogen und würden jetzt auf Ellenbogen durch den Schlamm robben. Aber mindestens ein Exemplar ist dabei, das sich für den geborenen Tänzer hält. Ziemlich bunt angezogen, schwingt er auch ohne Musik schon mal auffordernd die Hüften. Er wird augenblicklich von den restlichen Männern gehasst. Jemand sollte ihm sagen, dass seine Hosen zu kurz sind! Schliesslich der grosse Moment!

Eine energische, energiegeladene Person reisst die Tür zum Tanzsaal auf, klatscht in die Hände und verteilt die Lämmer in mehreren Reihen vor dem grossen Spiegel. Auch das noch! Bin ich das wirklich? Diese schlechtangezogene Gestalt mit dem Stroh auf dem Kopf?

Für den Absturz in eine Depression bleibt keine Zeit. Die Dame hüpft beschwingt vor uns her und gibt Kommandos. Viel zu schnell für mich! Könnte ich diese Schrittfolge bitte in slow Motion sehen? Nichts da! Schon erschallt Musik und mein Mann macht neben mir ganz erstaunliche Dinge. Er hat besser aufgepasst. Dann kommt alles noch schlimmer. Wir müssen diese Dinge gemeinsam tun! Es folgt ein erbitterter Ringkampf, in welche Richtung wir tanzen wollen. Nachdem das einigermassen geklärt ist, kreuzen unglücklicherweise andere Paare unsere Bahnen. So was müsste einem doch gesagt werden! Die folgenden Rempeleien erinnern mich an meine Kindergartenzeit. Aber niemand beschwert sich, alle haben genug damit zu tun die Schritte zu zählen, ohne dabei die Beine zu verknoten.

Bei den Männern treten nun ganz unterschiedliche Führungsqualitäten zutage. Die Zaghaften, die die ganze Zeit nur auf ihre eigenen Füsse hinunter starren um nicht zu stolpern, die Energischen, die im wahrsten Sinne des Wortes taktlos durch den Saal schwofen und ihre verzweifelten Frauen einfach mitzerren. Und den Typ „John Travolta“, der einfach alle aus der Bahn pflügt.

Gegen Ende der Stunde wird die Musik von den lautstarken Disputen der Paare übertönt. Die Frage, wer denn nun die ganze Zeit einen falschen Schritt in die völlig verkehrte Richtung gemacht hat, muss noch geklärt werden. Bis spätestens einer Woche, dann beginnt die zweite Lektion.

Also ich sage Ihnen, mein Mann und ich wir tanzen zusammen wie die Götter, vorausgesetzt es muss nicht im Takt sein.

 


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